„Feuerherz“ von Senait G. Mehari

Was Senait in ihrem jungen Leben alles durchleiden musste, ist mehr, als ein Mensch eigentlich ertragen kann. Dass sie ihre Kindheit überlebte, grenzt an ein Wunder. Der autobiografische Roman „Feuerherz“ erzählt die Lebensgeschichte der in den kriegerischen Wirren zwischen Äthiopien und Eritrea geborenen Senait G. Mehari. Ein Buch, das Kraft und Mut in schlechten Zeiten gibt.

Zuerst wurde sie von ihrer eigenen Mutter in einem Koffer ausgesetzt, dann wurde sie durch verschiedene Heime in Eritrea gereicht, wo sie sich sehr einsam fühlte, da sie teilweise nicht mal die Sprache verstand. Und ihr Leben nahm erst recht keine positive Wendung, als sie schließlich über Umwege zu ihrem Vater kam, der sie extrem misshandelte und letztendlich sogar umbringen wollte.
Wehrlos wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wurde, war sie, als er sie stattdessen, zusammen mit zwei ihrer Halbschwestern, zur Rebellenarmee ELF brachte, wo die Kinder zu Tötungsmaschinen ausgebildet werden sollten.
Mit ihren 6 Jahren war Senait viel zu schwach, um die riesige Kalaschnikow zu tragen, die sie von nun an immer bei sich habe musste.
Doch schon jetzt zeigte sich ihre unheimliche Stärke, da sie es partout verweigerte zu kämpfen oder gar zu töten. Immer wieder wurde sie deswegen fast zu Tode geprügelt, doch sie gab nicht auf, sondern widersetzte sich jedes Mal aufs Neue dem Befehl zu schießen. Es widerstrebte ihr so sehr jeglichem Lebewesen Schaden zuzufügen, dass sie sich außerdem weigerte Fleisch zu essen, obwohl die Kindersoldaten, die lediglich Kanonenfutter waren, wegen der Hungersnot in Kriegszeiten sowieso am Verhungern waren.
Stundenlang mussten sie in der Hitze nach einem Tropfen Wasser suchen, wenn sie nicht im Training waren. Doch auch nachts fand man keine Ruhe. Immer wieder kamen „Kameraden“ und vergewaltigten sie, was das Schlimmste für sie war.
Außerdem konnte man jede Sekunde von Bomben geweckt werden und musste immer bereit für eine Flucht sein.
Und auch die immer wiederkehrenden Malariaanfälle raubten ihr die letzte Kraft.
Und das alles, obwohl der Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien eigentlich schon längst verloren war und keiner mehr das sinnlose Gemetzel verstand. Das Gemetzel führte nur noch zum Leiden von Menschen, zum Leiden von Kindern. Zum Tod von Kindern.
Nach einigen Jahren wurde sie endlich von ihrem Onkel gerettet und lebte einige Jahre glücklich im Sudan, bevor ihre Hölle weitergehen sollte, als ihr Vater sie wieder zu sich, diesmal nach Hamburg, holte.
Schon bald verfiel er in die alten Muster der häuslichen Gewalt, doch diesmal ließ sich Senait das nicht gefallen. Sie lief weg und war einige Zeit obdachlos und schlug sich mit kleinen Jobs alleine auf der Straße durch oder lebte bei ihrem Freund. Doch auch diese Beziehung war toxisch, da dieser eine massive Drogensucht hatte und irgendwann auch gegen sie Hand erhob.
Zusätzlich hatte sie wegen ihrer Vergangenheit mit Depressionen und Flashbacks zu kämpfen und verletzte sich selbst, da das der einzige Weg war, überhaupt etwas zu fühlen.
Ihre ganzen Probleme bemerkte man in der Schule allerdings nie, da sie das Bild von einer perfekten Familie aufrechterhielt, was wiedermal zeigt, dass man nie weiß, wo hindurch ein Mensch gehen muss, denn der Schein kann trügen.
Trotz alldem schaffte sie einen guten Abiturabschluss – und das in einem fremden, anderssprachigen Land – und baute sich „nebenher“ ihr eigenes Business auf.
Als sie bemerkte, dass sie ihre Erfahrungen als Kindersoldatin mit Musik verarbeiten konnte, brachte sie sich alles alleine bei: Noten lesen, Instrumente spielen, Melodien erschaffen, Programme bearbeiten, Texte schreiben. Bis sie schließlich einen Plattenvertrag bekam und in Asien als Sängerin berühmt wurde und schließlich auch in Deutschland auf Veranstaltungen auftrat.
Mit dem damit selbst verdienten Geld versorgte sie ihre Eltern, die für all ihr Leid verantwortlich waren, damit diese bis zu ihrem Tod sorglos in ihrer Heimat Afrika leben konnten.
Senaits Leben war geprägt von zu viel Schlechtem. Zu viel Vernachlässigung, zu viel Krieg, zu viel Hass, zu viel Gewalt. Dass sie sich dennoch nicht von ihren Erlebnissen selbst begraben lässt, sondern sich unermüdlich gegen ihr Schicksal stemmt und ihren eigenen Weg geht, ist beeindruckend.
Das alles beschreibt Senait mitreißend, tagebuchartig mit ihren kindlichen Gedanken und Gefühlen in ihrer Autobiografie „Feuerherz“. Sie hat es nicht geschrieben, um den Menschen zu zeigen, wie schrecklich die Welt ist, sondern um sich selbst zu befreien, um sich selbst Frieden zu bringen. Sie möchte damit zeigen, dass immer ein Licht, eine Hoffnung zu sehen ist.
Ich finde, so bewundernswert an Senait ist, dass auch, wenn sie nie Liebe bekommen hat, sie sich nie ganz brechen ließ, sondern stets für alle Mitgefühl und Liebe hat. Denn sie hat verstanden: Wer anderen Leid zufügt, dem wurde selbst Leid zugefügt.
Senait zeigt, dass man nicht das ist, was einem passiert, sondern das, was man daraus macht.